Get the FLASH PLAYER to view this magazine:
- or -
View as HTML version
bestehende Grenze zwischen den beiden
Teilrepubliken von Ex-Jugoslawien genommen,
aber auf See gab es nur eine jugoslawisch-italienische
Grenze. Durch die Unabhängigkeit
ist eine neue Situation
entstanden. 2001 sind wir zu einer bilateralen
Lösung gekommen. Der Vertrag wurde
von beiden Seiten paraphiert, ist aber
im kroatischen Parlament stecken geblieben.
Das hat sich dann hingezogen, und
vor zwei Jahren ist eine neue slowenische
Regierung angetreten. Dadurch hat sich
die Situation wieder geändert.
Inwiefern betrifft die Ortstafelfrage in
Kärnten die Beziehungen zwischen Österreich
und Slowenien?
Die Kärntner Ortstafelfrage ist vor allem
ein Thema für Politiker und Diplomaten.
Die Menschen in Slowenien fühlen
sich davon nicht täglich in ihrem
Leben betroffen. Es ist aber ein wichtiges
Thema. Die Rechte der slowenischen
Minderheit sind nie zur Gänze vollzogen
worden, obwohl der österreichische
Staatsvertrag das ganz klar sagt. Das hätte
schon damals, sofort danach, gemacht
werden müssen. Mehr als 55 Jahre danach
ist der Vertrag noch immer nicht
umgesetzt, und das wundert uns, weil
zweisprachige Ortstafeln an sich kein
großes Problem sind. Man kann es auch
als Zugewinn bzw. Bereicherung betrachten.
Alle Parteien in Kärnten sind schuld
daran, dass diese Frage noch immer
nicht gelöst ist. Es freut uns, dass wir mit
Landeshauptmann Gerhard Dörfler nun
einen engagierten Gesprächspartner gefunden
haben, der diese Frage wirklich
in schnellstmöglicher Zeit lösen will.
Dem EU-Beitritt von Kroatien steht von
slowenischer Seite nichts mehr entgegen.
Was wird sich nach dem Beitritt für die Region
ändern?
Ein Beitritt Kroatiens wird die ganz
wichtige Botschaft bringen. Und zwar dass
man mit Reformbemühungen und konstruktiver
Politik in die EU finden kann.
Das wird politisch und psychologisch
wichtig sein. Die Völker am Westbalkan
brauchen so eine Botschaft, denn momentan
steht alles still. Es wird auch wirtschaftliche
Impulse geben. Für Slowenien
wird sich auch einiges ändern, speziell im
wirtschaftlichen Bereich. Was ganz wichtig
sein wird, ist die Schengengrenze. Mit
dem kroatischen EU-Beitritt wird diese
weiter nach Süden verlegt.
Wie stark ist die wirtschaftliche Verflechtung?
Die Beziehungen sind sehr stark. Wir
haben viele bilaterale Abkommen, die
dann natürlich durch EU-Regelungen er-
„Wir brauchen eine tiefgreifende
Diskussion darüber, wohin
die EU gehen soll.“
ALEKSANDER GERZINA
setzt werden. Kleine und mittlere Betriebe
werden sich anfangs vielleicht ein bisschen
schwerer tun, weil die EU-Rechte
über nationalem Recht stehen – da wird
es Umstellungsschwierigkeiten geben. Insgesamt
wird der Handel natürlich erleichtert.
Serbien und Mazedonien stehen auch
auf der Liste. Wie lange wird das noch dauern?
Das wird alles ein bisschen länger
dauern, als wir gehofft haben. Die EU
braucht auch viel mehr Zeit, mit ihren
eigenen offenen Fragen fertig zu werden.
Wir brauchen eine tiefgreifende Diskussion
darüber, wohin die EU gehen soll,
und wo die Grenzen der EU sein sollen.
Ist das die Türkei, ist das Israel, Ukraine,
Moldau usw.? Bevor man diese Fragen
nicht klar beantwortet hat, ist es sehr
CURRICULUM VITAE
Botschafter Aleksander Gerzina ist am 19. Juli 1966 in Maribor,
Slowenien, geboren. Er studierte Geschichte in Ljubljana
und trat 1992 in den Diplomatischen Dienst ein. Stationen
seiner Karriere waren u. a. bei der Ständigen
Vertretung bei der UNO in New York, parlamentarischer Sekretär
des Außenministers, Kabinettschef des Außenministers,
1. Sekretär an der Ständigen Vertretung bei der EU in
Brüssel, stv. Botschafter bei der NATO und WEU, Leiter für
GASP, Botschafter beim PSK in Brüssel, Leiter der Projektgruppen
für den OSZE-Vorsitz und die EU-Ratspräsidentschaft.
Er ist verheiratet und hat einen Sohn.
Botschafter Aleksander
Gerzina
schwer, eine glaubwürdige Politik der
EU-Erweiterung zu machen.
Gibt es eine offizielle Position Sloweniens
die EU-Erweiterung betreffend?
Die offizielle Position von Slowenien
ist, dass es die Türkei und die Westbalkan-Staaten
in ihren Bemühungen, EU-
Mitglieder zu werden, unterstützt. Wir
müssen diese Länder danach messen,
wie sehr diese Staaten auf einen Beitritt
vorbereitet sind und tiefgreifende Reformen
stattgefunden haben.
Wie stark war bzw. ist Slowenien als exportorientiertes
Land von der Finanzkrise
betroffen?
Die Krise hat uns stark getroffen, weil
wir vor allem auf den deutschen Markt
angewiesen sind. Zum Glück haben wir
relativ früh den Euro eingeführt, was
sich als positiv herausgestellt hat. Die
Krise war nicht so stark, wie sie ohne den
Euro hätte sein können. Wir sind dabei,
die Pensionsreform abzuschließen. Das
ist auch ein Resultat der Krise. Die Zahlen
deuten bereits auf eine Erholung
der Wirtschaft hin. Im Herbst werden
wir mehr wissen.
Sie kennen Wien bereits aus Ihrer Studentenzeit?
Sind Sie nach dem Studium
gleich in den Auswärtigen Dienst eingetreten?
Ich habe in Wien studiert. Das war damals
ein Austauschprogramm zwischen
Österreich und Jugoslawien. Außerdem
habe ich Geschichte und Internationale
Beziehungen in Ljubljana und London
studiert. Sofort nach der Universität bin
ich in den Auswärtigen Dienst eingetreten,
das war kurz nach der Unabhängigkeit
von Slowenien – ich feiere nächstes
Jahr also auch ein persönliches 20-jähriges
Jubiläum.
SOCIETY 1_11 | 25