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NewSpaces 08 DE

14 Thinking the Future II Ihre Entwürfe sind stark von der Natur geprägt. Ihre Eltern in Israel sind aber beide Architekten, die der klassischen Moderne anhängen. Ein Widerspruch? Nein. Als Kind haben mich meine Eltern immer auf Reisen zu berühmten Gebäuden dieser Epoche mitgenommen. In unserem Elternhaus fi nden sich außerdem viele Möbel der klassischen Moderne. Als Kind habe ich zum Beispiel im Garten meiner Großmutter oft auf der von Le Corbusier entworfenen Liege gesessen, habe dort gelesen und die Natur betrachtet. Rückblickend vereint das die beiden wichtigsten Elemente meiner späteren Arbeit: Natur und Design. Wollten Sie schon als Kind Designerin werden? Nein, ich habe nach der Schule und dem Militär zuerst Medizin studiert – wohl auch, um gegen meine Eltern zu rebellieren. Aber in meinem Elternhaus war stets von Schönheit die Rede. Warum haben Sie sich vom Medizinstudium verabschiedet? Während des Medizinstudiums arbeitete ich in einem Physiologielabor. Ich erkannte, dass die Arbeit zu 99 Prozent aus Analyse und nur zu einem Prozent aus Refl exion bestand. Ich wollte dieses Verhältnis in meinem Leben umkehren. In der Architektur habe ich mich vom ersten Tag an zu Hause gefühlt. In London haben Sie begonnen, Computer für das Entwerfen komplexer Strukturen und Gebäude zu nutzen … Wir können heute in Computerprogramme gewisse Pa rameter eingeben – Materialeigenschaften, räumliche Ge gebenheiten oder Umweltfaktoren –, die im Laufe eines algorithmischen Prozesses in einer bestimmten Gestalt re sultieren. Bislang hat man zuerst eine Form entworfen, die dann in einem zweiten Schritt in einem Material verwirklicht wurde. Jetzt kann man von einem Material ausgehen und die Form aus dem Material entstehen lassen. Das ist ein neuer Weg des entwerfenden Denkens und Bauens. Es gibt auch Parallelen zur Natur, in der sich scheinbar wie von selbst Formen aus Material bilden. Sie entwickeln völlig neue Werkstoff e. Ich versuche, Materialien zu schaff en, die verschiedene Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Bei der Corbusier-Liege erfüllt das Chromgestell die Funktion der tragenden Struktur, das Polster Organische Strukturen Die Liege „Beast“ entstand am 3-D-Drucker. Die Gitterstruktur verschaff t dem Material Stabilität. die Aufgabe des Komforts. Bei den Gebäuden der klassischen Moderne ist das nicht viel anders: Ein starres Gerüst sorgt für die Stabilität, Glas für Licht und Wärmeaustausch. Ich will diese Funktionen in einem einzigen Material vereinen – wie bei einem Blatt, das stabil ist, Wärme leitet und Wasser ver dunstet. Einer meiner ersten Schritte in die Richtung war „Beast“, eine Art Liege, die an einem Stück gedruckt wurde. „Beast“ ist bislang nur ein kleiner Prototyp … Ja, weil man sie in realer Größe noch nicht herstellen kann – das kommt aber in absehbarer Zeit. „Beast“ besteht aus einem Material, dessen Gitterstruktur ihm Stabilität verschaff t. Die Flächen der einzelnen Zellen sind ausgefüllt mit Material, das unterschiedliche Steifheit und Erhebungen hat. Wo der Körper mehr Druck auf das Möbel ausübt, sind diese Zellen stärker nach außen gewölbt und auch steifer, an anderen Stellen fl acher und weicher. Das Prinzip erinnert doch bewusst an Knochen. Ich will aber biologische Eigenschaften nicht einfach nur kopieren, sondern versuche eher, eine Art zweiter Natur zu erschaff en. Ihre neuen Materialien lassen sich vielseitig anwenden? Ja, in der Kunst, der Architektur, im Design, selbst in der angewandten Medizin. Mithilfe eines Mediziners habe ich einen Handschuh gegen Seh nen scheidenentzündungen entwickelt. Er liefert mehr Halt für jene Areale, die schmerzen, und mehr Flexibilität an anderen Stellen. Die Methode, Material mit unterschiedlichen Eigenschaften zu drucken, haben Sie sich patentieren lassen. Dafür haben Sie im vergangenen Jahr den ersten Earth Award erhalten. Langfristig ist das Ziel dieser neuen Technologie, Design und Herstellung komplexer Materialien so einfach wie möglich zu gestalten. Und nicht nur für Designobjekte, auch für Gebäude. Wollen Sie Gebäude drucken? Das kann nicht Ihr Ernst sein. (lacht) Am Computer entworfene Designs können in naher Zukunft vor Ort mit neuen Maschinen viel leichter umgesetzt werden. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass Beton am Bau nicht nur in unterschiedlicher Form, sondern auch in variabler „ Ich versuche, Materialien zu schaffen, die verschiedene Aufgaben gleichzeitig erfüllen.“ Neri Oxman Festigkeit, von dicht bis porös, gegossen wird. Außerdem können wir auf diesem Wege viel Material einsparen. Die heutige Öko-Architektur sieht aber ganz anders aus. Der Großteil „grüner“ Bauten basiert auf dem weißen Kubus, der gnadenlos auf Effi zienz getrimmt wird. Auf der anderen Seite gibt es formalistisch arbeitende Architekten, für die Effi zienz weniger wichtig ist als schöne, natürliche Formen. Solche Gebäude sind oft noch nicht besonders umweltfreundlich. Diese beiden Lager will ich vereinen. Sie haben am MIT promoviert. Ingenieure gehen davon aus, dass es für jedes Problem eine optimale Lösung gibt. Triff t das auf Ihre Entwürfe auch zu? Sicher nicht. Die Materialien, mit denen ich arbeite, defi niere ich nach mehreren Dimensionen: die räumlichen Ausmaße, Härte, Wärmeleitfähigkeit und Dehnbarkeit. Je nachdem, welche Aufgaben sie zu erfüllen haben, gibt es verschiedene Lösungen, wie unterschiedliche Ziele vereinbart werden können. Das ist in der Natur ja auch nicht viel anders. Schönheit ist ein wichtiges Kriterium für Sie? Ja, das habe ich in meiner kürzlich abgeschlossenen Doktorarbeit aber bewusst ausgeklammert. Schönheit ist an einer Technischen Hochschule wie dem MIT seit jeher eher eine vernachlässigbare Größe. Ich bin mir auch nicht sicher, wie ich diese Größe begriff lich, geschweige denn algorithmisch fassen sollte. Aber wie fi ndet sie dann in Ihre Objekte Eingang? Schönheit ist nach wie vor Ausdruck der Sensibilität des Designers. Ich habe zum Beispiel für das Museum of Modern Art einen Prozess entwickelt, den ich „Raycounting“ nenne. Dabei kann man Objekte am Computer so entwerfen, dass man genau bestimmt, welche Schattenmuster bei bestimmtem Lichteinfall entstehen sollen. Nach diesem Prinzip entwarf ich Dutzende Vasen, nur eine gefi el mir. Nur dieses Objekt ließ ich drucken. Als ich später versuchte, sie noch einmal herzustellen, gelang es mir nicht mehr. ¤ Weitere Informationen www.materialecology.com 15 FOTO: NERI OXMAN

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