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Brigitte Witzer war Geschäftsführerin bei
Bertelsmann, Professorin für Verlagsproduktion
an der HTWK Leipzig und führt heute eine Firma,
die sich auf die erfolgreiche Bewältigung von
Veränderungen in Unternehmen konzentriert.
Spielraum für Handlungsalternativen, Spielraum für Bewusstheit
und den Umgang mit möglichen Folgen.
Ohne Risiken wären wir plötzlichen Gefahren unvorbereitet
ausgeliefert. Risiken also helfen uns, uns einzustellen,
vorzubereiten, angemessen umzugehen mit dem, was
kommen kann – sie ermöglichen es uns aber auch, umzudenken,
umzulenken. Risiken liefern uns den Diskussionsstoff
für die Leitplanken unserer Gesellschaft.
Missachten wir diese Optionen, dann erzwingen wir beispielsweise
neue Helden – so wie die Arbeiter, die in
Japan die tödliche Drecksarbeit am Reaktor verrichten, um
die akute Gefahrenlage zu mildern. Wir dürfen bezweifeln,
dass diese Menschen besonders von der Atomkraft profi
tiert haben, und wir dürfen unterstellen, dass hier eine
besondere Form von Heldentum davon ablenken soll, was
wir ebenfalls zur Kenntnis nehmen müssen: Die Chancen
von Kernkraft wollten alle sehen, die Risiken wurden
wegdiskutiert bis hin zum Unsinn des bekannten „Restrisikos“.
VOM UMGANG
MIT ANGST
Wer Risiko so klein redet, versucht vor allem, ein ganz zentrales
Gefühl zu verhindern: Angst. Angst ist den meisten
Menschen suspekt – und besonders schön fühlt sie sich
ja oft nicht an: mulmiges Gefühl im Bauch, Magengrimmen,
wackelige Knie, Nebel im Hirn, so oder ähnlich sind
die typischen Ausdrucksformen von Angst. Aber was hilft
es, wenn wir Angst gerade nicht fühlen?
Die Psychologie nennt den Vorgang „Abspaltung“. Gefühle
werden abgespalten in der Hoffnung, wir würden
uns damit die Folgen unserer Gefühle vom Halse halten.
Weit gefehlt! Gefühle, auch und gerade Angst, sind nicht
schädlich, im Gegenteil: Gerade Angst macht uns klar,
dass unser Handeln Konsequenzen haben kann.
Wer keine Angst kennt, der macht seine Spielräume eng.
Er befördert die Illusion, dass es keine Alternativen gibt. Er
reduziert seine Möglichkeiten. Wie viel schlimmer, wenn
das eine ganze Gesellschaft betrifft!
FUNKTIONIERER UND HELDEN
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kinder nur noch
Klettverschlüsse an den Schuhen tragen, in der das Wort
Sünde am ehesten in Verbindung mit Schokolade gebraucht
wird, in der Mut und Zivilcourage zwar gefordert, aber
nicht entwickelt werden. Wir leben in einer Zeit, in der
Angst nicht gesellschaftsfähig ist. Mit der Folge, dass
unsere Gesellschaft in Summe mit den Auswirkungen
unterdrückter Angst zu tun hat.
Risiko und Angst sind ein geniales Paar, und Angst ist dabei
ähnlich sinnvoll wie ein Warnschild am Abgrund oder
das Totenkopf-Zeichen auf dem Rattengift. Nehmen wir
das Schild an die Seite, bleibt der Abgrund. Das Rattengift
wird nicht verträglicher ohne Totenkopf. Die Angst nicht
spüren heißt nur eines: das Risiko nicht wahrnehmen.
Oder anders herum: Wenn wir keine Angst spüren, dann
müssen wir funktionieren. Angst ist hilfreich, oder genereller
gesagt: Unsere Gefühle ergänzen und unterstützen
unseren Verstand ausgezeichnet. Wir dürfen begreifen: In
einer Welt, in der Komplexität und Dynamik zunehmen,
sind all unsere Ressourcen gefordert. Auch und gerade
Emotionen, auch und gerade Angst.
RISIKOINTELLIGENZ INTEGRIERT
ALLE RESSOURCEN
Risikointelligenz nutzt alle inneren Ressourcen. Sie nutzt
Gefühle und Verstand, Intuition und Erfahrung, Kompetenz
und Präsenz und befähigt jeden von uns auf ganz
persönliche Weise, dem Funktionieren zu widerstehen,
Heldentum nur in Notsituationen zu praktizieren und stattdessen
ein wirklich anregendes und uns gemäßes Leben
zu führen.
Sie macht uns erfolgreich in einer risikoreichen Welt und
bereichert unseren persönlichen Entwicklungsprozess.
Eine Welt ohne Risiko lässt unser spezifisch menschliches
Potenzial ungenutzt. Kann das wirklich unser
Wunsch sein?
MUTIG QUERDENKER 13
ISTOCK, FOTOGRAF: A.J RICH