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ZWISCHEN MODERNE UND TRADITION – junge Kunst aus dem Mittleren Osten
Die Kunstszene des Mittleren Ostens und Irans wurde lange von der internationalen
Kunstwelt nicht wahrgenommen. Ganz im Gegensatz zur zeitgenössischen russischen
und chinesischen Kunst, die mit Beginn der 1990er Jahre ihren Weg in die Galerien
und Museen fand. Mit dem artCAMPUS präsentiert MEISSEN® erstmalig auch Künstler
aus arabischen Ländern und dem Iran. Es gibt zwei entscheidende Gründe für das bis
vor wenigen Jahren noch fehlende Interesse an zeitgenössischer Kunst aus dem Mittleren
Osten: mangelndes Wissen über den orientalischen Kulturkreis einerseits sowie die
nicht existierenden Marktstrukturen im Mittleren Osten andererseits. Die Verkäuflichkeit
von Kunst hatte sich als ein wichtiges Kriterium herauskristallisiert, wenn es darum
ging, welche Künstler am globalen Diskurs teilnehmen.
In den vergangenen Jahren jedoch hat das Interesse an der Kunst aus dem Mittleren
Osten stetig zugenommen. Beigetragen dazu haben die umfangreichen Projekte zum
Auf- und Ausbau einer kulturellen Infrastruktur in den Golfstaaten. Dazu zählen der
Ausbau der Insel Saadiyat in Abu Dhabi mit Niederlassungen des Louvre und des
Guggenheim Museums ebenso wie das kürzlich eröffnete Mathaf (Museum for Modern
Arab Art) in Qatar. Im Emirat Sharjah, dessen Kunst liebender Emir bereits in den
1990er Jahren mehr als zehn Museen bauen ließ, darunter das Sharjah Art Museum,
hat sich die gleichnamige Biennale seit ihrem Bestehen zu einem bedeutenden Event
entwickelt. Ebenso finden die jüngst ins Leben gerufenen Kunstmessen in Abu Dhabi
und Dubai international Beachtung.
Doch was zeichnet zeitgenössische arabische und iranische Kunst aus, und was
unterscheidet sie von westlicher Kunst? Eine dem Westen vergleichbare Kunstentwicklung
in den arabischen Ländern und im Iran hat es nicht gegeben. Malerei und
Skulptur, die seit Jahrhunderten zur europäischen Kunsttradition gehören, waren lange
eher ungewohnte Ausdrucksformen. Stattdessen spielten das Kunsthandwerk und die
Schrift eine große Rolle. Die Kalligrafie gehört zum kulturellen Background arabischer
und iranischer Künstler. Viele der Künstler haben eine klassische Kalligrafieausbildung
durchlaufen, bevor sie neue Wege gingen. Erst durch die zunehmende Berührung mit
Europa Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Kolonialisierung und der Industrialisierung
begann eine Annäherung an die europäische Tradition. Viele Künstler waren
in Europa gewesen und sind dort mit den verschiedenen Kunstrichtungen wie dem
Impressionismus oder Expressionismus in Berührung gekommen. Die Hinwendung zur
Moderne verlief in den Ländern des Mittleren Ostens nicht ohne Spannungen. Die einen
wollten am Kulturerbe wie etwa an der klassischen Kalligrafie festhalten. Andere wollten
demonstrieren, dass sie eine Modernisierung und Erneuerung für notwendig halten
und dass es ein modernes arabisches und iranisches Bewusstsein globaler ästhetischer
Diskurse gibt.
Mit der Einbeziehung arabischer und iranischer Künstler in den artCAMPUS leistet
MEISSEN® einen wichtigen Beitrag zum Kulturdialog und bietet eine einzigartige Plattform
für die Auseinandersetzung mit einem traditionellen europäischen Werkstoff –
dem Porzellan.
Nja Mahdaoui, 1937 in Tunis geboren, sah bereits früh die künstlerischen Möglichkeiten,
die die Kalligrafie außerhalb festgelegter Regeln und Stile bot. Er wurde in den
1960er Jahren über die Landesgrenzen hinaus berühmt, in einer Zeit, als sich nordafrikanische
Künstler wieder der Kalligrafie besannen und sie als eine neue Kunstform
entdeckten. In seinen Werken geht es ihm insbesondere um formale Aspekte und um
die visuelle Aussage, nicht um die inhaltliche Bedeutung von Geschriebenem.
Ahmad Moualla studierte klassische Kalligrafie, wandte sich aber dann der freien
Malerei zu, malte großformatige Leinwände mit expressiven, zum Teil sozialkritischen
Themen. Sein Studium der Grafik und visuellen Kommunikation in Damaskus und Paris
hatte dazu geführt, dass er neue Schrifttypen entwickelte und nach anderen Formen
des Kalligrafierens suchte. Im Prozess der Oberflächenbearbeitung seiner Malgründe
trifft bildlich gesprochen der Maler den Kalligrafen.
Kalligrafie wurde für Khaled Al-Saai zu einem Medium, persönliche Gefühle zum Ausdruck
zu bringen, ohne an die Sprache gebunden zu sein. Er beschäftigte sich früh mit
den arabischen Buchstaben, ihren Formen, ihrer symbolischen, religiösen und musikalischen
Ursprüngen. Sein Schaffen ist beeinflusst von der Bedeutungsvielfalt, der er bei
seinen Studien auf die Spur gekommen ist, wie auch von den formalen Möglichkeiten
der verschiedenen Schreibstile.
Ergebnisse ganz anderer Art schufen die beiden iranischen Brüder Rokni und Ramin
Haerizadeh in Meißen. Sie gehören derzeit zu den „Shooting Stars“ unter den Künstlern
des Mittleren Ostens und haben in relativ kurzer Zeit eine beispiellose Karriere durchlaufen.
Die Nachfrage nach ihren Werken hat die Preise schnell in die Höhe getrieben.
Rokni und Ramin sind bekannt für ihre meist großformatigen, ungeheuer expressiven,
zeitkritischen Gemälde. Beide wurden im Iran zu einer Zeit starker Umwälzungen geboren,
der Revolution und der Machtübernahme des Ayatollah Khomeini, Rokni 1978,
Ramin 1975. Die drastischen Veränderungen im Iran und die daraus resultierenden
Konsequenzen für das tägliche und das künstlerische Leben haben Rokni und Ramin
nachhaltig geprägt.
Rokni greift in vielen seiner Werke auf Figuren und Elemente aus der klassischen persischen
Dichtung zurück und vermischt sie mit Szenen aus den aktuellen Geschehnissen.
Die alten und neuen Geschichten werden geschickt miteinander verflochten. Seine
expressiven Arbeiten richten sich gegen Freiheitsbeschneidungen und Rechtsverletzungen,
gegen Heuchelei und Bigotterie. Im selben Geiste arbeitet Ramin. Radikaler
als Rokni richten auch seine Werke sich gegen Scheinheiligkeit und Unrecht. Es sind
zornige Arbeiten, Satiren, bei denen einem oft genug das Lachen im Halse stecken
bleibt. Ramin schlüpft in die Rolle eines Hofnarren.
Im Allgemeinen haben Künstler des Mittleren Ostens keine Berührungsängste mit
dem Material Porzellan. Keramik hat in den arabischen Ländern wie im Iran eine
lange Tradition und einen hohen Stellenwert innerhalb der Kunst. Über Jahrhunderte
waren Teller, Schalen, Vasen, Fliesen, Wandfriese aus Keramik Träger für die schönste
künstlerische Gestaltung. Man denke vor allem an die ornamentale und kalligrafische
Ausgestaltung von Moscheen oder Wohnhäusern. Hinzu kommt, dass man im Orient
keine Trennung zwischen Kunst und Kunsthandwerk kannte, so wie wir sie in Europa
kennen. Kunsthandwerk rangiert nicht an zweiter Stelle. Der Reiz, für MEISSEN ® mit
Porzellan zu arbeiten, lag für die oben aufgeführten Künstler in den Besonderheiten, die
das Material mit sich bringt: die glatte Oberfläche, der Umgang mit Farben, die nach
dem Brand einen anderen Ton als beim Auftrag haben. Sich auf diesen Arbeitsprozess
einzulassen, zog auch eine neue Auseinandersetzung mit den eigenen künstlerischen
Ideen nach sich.
Karin Adrian von Roques,
Kunsthistorikerin, spezialisiert auf zeitgenössische arabische und iranische Kunst
BETWEEN MODERNITY AND TRADITION – recent art from the Middle East
The art scene in the Middle East and Iran was long ignored by the international world of
art - quite unlike contemporary Russian and Chinese art, which found its way into galleries
and museums and hence onto the market from the beginning of the 1990s. With its
artCAMPUS, MEISSEN® is for the first time also presenting artists from the Arab states
and Iran. There are two main reasons for the lack of interest in contemporary art from
the Middle East up until recently: insufficient knowledge about oriental cultural circles
paired with the absence of market structures in the Middle East. The capacity of art to
be sold has turned out to be a key criterion governing which artists and which means of
expression ultimately participate in the global discourse.
Interest in art from the Middle East has been steadily growing in recent years, however.
This has been aided in large measure by major projects devoted to establishing and developing
cultural infrastructure in the Gulf States. Amongst other things, branches of the
Louvre and the Guggenheim Museum have been set up on the island of Saadiyat in Abu
Dhabi and, most recently, the Mathaf (Museum for Modern Arab Art) opened in Qatar.
In the Emirate of Sharjah, whose art-loving ruler had more than ten museums including
the Sharjah Art Museum built back in the 1990s, the Sharjah Biennial has emerged to
become a significant event since it was launched. The art fairs recently initiated in Abu
Dhabi and Dubai have likewise met with international acclaim.
The question as to what actually characterises contemporary Arab and Iranian art
and distinguishes it from its western counterpart is nevertheless one that is frequently
asked. Neither the Arab states nor Iran have known artistic trends comparable to those
in the West in the past. Painting and sculpture, part and parcel of the European artistic
tradition for centuries, were for long forms of expression rarely resorted to. Art handicraft
and calligraphy prevailed instead. The latter is part of the cultural background of any
Arab or Iranian artist. Many underwent classical training in calligraphy before treading
new paths. Convergence with the European tradition only began in the late 19th century
as the interaction with Europe took off in the wake of colonialism and industrialisation.
Many artists had been in Europe at some point and come into contact with diverse
artistic movements such as Impressionism or Expressionism. Dealings with Modernism
were fraught with no little tension in the countries of the Middle East. Whilst there some
who sought to retain aspects of the cultural heritage such as classical calligraphy, others
wanted to show that they regarded modernisation and renewal as necessary and that a
modern Arab and Iranian awareness of global aesthetic discourses does exist.
By involving Arab and Iranian artists in artCAMPUS, MEISSEN® is making a key contribution
to cultural dialogue whilst providing a unique platform for creative interlocution
with a traditional European material - porcelain.
Nja Mahdaoui, born in 1937 at Tunis, became aware early on of the artistic potential
calligraphy provides once set rules and styles are transcended. He became famous
beyond his own national borders in the 1960s, at a time when North African artists were
rediscovering calligraphy and deploying it as a new artistic form. Mahdaoui devoted
intensive study to the morphology of the characters in the Arabic alphabet. He is more
interested in their formal aspects and visual message in his work than in the actual
meaning of the text they give rise to.
Ahmad Moualla studied classical calligraphy but then switched to free-style painting
for a while and decorated large-format canvases with expressive topics containing an
element of social criticism. Studies in Graphics and Visual Communication at Damascus
and Paris led to him devising new types of script and going in search of other forms of
calligraphic design. The painter figuratively encounters the calligrapher in the process of
working the surface of his painted grounds.
For Khaled Al Saai, calligraphy became a medium for lending expression to personal
feelings without being tied to language. Early on, he analysed the characters in the
Arabic alphabet, their forms, their symbolic, religious and musical origins. His œuvre is
coloured by the wide variety of signifiers he tracked down in his studies as well as by the
formal potential contained in the various styles of writing.
The results that Iranian brothers Rokni and Ramin Haerizadeh came up with in Meißen
were of a quite different kind. They are currently regarded as “shooting stars“ amongst
the artists of the Middle East and have reaped unparalleled success in a comparatively
short time. Demand for their work has sent prices rocketing. Rokni and Ramin are
known for their usually large-format, wildly expressive political-content paintings. Both
were born in Iran at a time of great turmoil, shortly before the deposal of the Shah and
assumption of power by Ayatollah Khomeini - Rokni in 1978, Ramin in 1975. The drastic
changes in Iran and the consequences these had for day-to-day life made a lasting
impression on Rokni and Ramin.
Rokni draws on figures and elements from classical Persian poetry in much of his work
and merges them with scenes from current events. The old stories are skilfully interwoven
with the newer ones. His expressive works are narrative, employing a complex
symbolic language with many layers of meaning. They appear to be telling a happy
tale but are subtly directed against limitations of freedom and legal violations, against
hypocrisy and bigotry. Ramin works in the same spirit. His work is directed even more
radically than Rokni’s against sanctimoniousness and injustice. His are angry, satirical
pieces that often cause the laughter to die in one’s throat. Ramin slips into the role of a
court jester.
Artists from the Middle East are generally comfortable with porcelain. Ceramics has
a long tradition both in the Arab countries and in Iran and is highly regarded as an
artistic medium. For centuries, the likes of plates, dishes, vases, tiles and ceramic wall
friezes served as vehicles for the most exquisite of artistic designs. The ornamental and
calligraphic decoration of mosques or houses immediately springs to mind. It is also the
case that, in the Orient, there was no division between art and art handicraft of the kind
familiar to us in Europe. Art handicraft is not considered second-best. This is why there
are still many artists who work with ceramics and have experience in handling materials
of that kind. The appeal of working with porcelain for MEISSEN ® felt by the artists listed
above lay in properties specific to the material such as the smooth surface of porcelain
compared to the texture of canvas or in the handling of paints that change colour when
fired. In opening themselves up to and coming to grips with this work process the artists
also had cause to re-address their own artistic concepts.
Karin Adrian von Roques,
Art historian specialising in contemporary Arabic and Iranian art
NJA MAHDAOUI
Vase mit arabischer
Kalligrafie, 2011
41 x 18 cm
Aufglasurmalerei
Meissener Porzellan ®
NJA MAHDAOUI
Vase with Arab
calligraphy, 2011
41 x 18 cm
Overglaze painting
Meissen Porcelain
074 | 075