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LIEBE FREUNDE VON MEISSEN ® ,
LIEBE FREUNDE DER KUNST
Als ich im November 2008 kurz vor dem 300-jährigen Jubiläum die Führung der
traditionsreichen Manufaktur MEISSEN ® übernahm, wurde mir bei dem Begehen der
Schauhalle sehr schnell die künstlerische Herausforderung deutlich. Aufgrund verschiedener
historischer Rahmenbedingungen hatte sich das Unternehmen – bei aller kunsthandwerklicher
Exzellenz – aus meiner Sicht zu einem künstlerischen Schatten seiner
eigenen, einst herausragenden Geschichte entwickelt. Gemessen an den historischen
Ahnen wie Johann Joachim Kaendler und Johann Gregorius Höroldt konnten viele der
Ansätze, zeitgenössische Kunstwerke zu kreieren, aus internationaler Sicht bestenfalls
als zeithistorische Zeugnisse in Zukunft Relevanz erlangen.
Das Niveau der heutigen Kunstmessen wie der Art Basel – in diesem Sinne der
heutigen Weltausstellungen, auf denen die Manufaktur sich einst stolz präsentieren
konnte – erreichten sie jedoch nicht.
Fast schien es, als ob MEISSEN ® künstlerisch gesehen irgendwann den eigenen hohen
Anspruch und damit den Anschluss an die Welt verloren und sich damit abgefunden
hatte, mit regionaler Kleinkunst für das bürgerliche Segment zumindest bescheidene
wirtschaftliche Beiträge erstreben zu wollen.
Bei aller Bedeutung von Innovationen wie Sushi-Sets und Mops-Anhängern für die
heutige Wirtschaftlichkeit der Manufaktur – in 100 Jahren werden alle diese Dinge für
MEISSEN ® ganz genauso bedeutungslos sein.
Ich bin fest davon überzeugt, dass ein wesentlicher Teil des Markenkerns der Manufaktur,
der in der einstigen Blütezeit im 18. Jahrhundert geschaffen wurde, im kompromisslos
hohen künstlerischen Anspruch liegt. Diesen zu erhalten und weiter auszubauen
ist daher – bei aller Wirtschaftlichkeit – eine der zentralen Aufgaben einer jeden
Generation von Geschäftsführern und das eigentliche Geheimnis für die Nachhaltigkeit
der Manufaktur, jenseits der Grenzen rein kommerziellen Denkens und Handelns.
Insofern war für mich klar, dass eine vorrangige Aufgabe darin bestand, wieder an den
Geist von Generaldirektor Pfeiffer anzuknüpfen und die Manufaktur künstlerisch erneut
zu durchbluten.
Genau hierzu dient der „MEISSEN artCAMPUS“, den wir 2009 ins Leben gerufen
haben – quasi unser heutiges Artist-in-Residence-Programm.
Meine kühne, ja von außen betrachtet wahrscheinlich naiv anmutende Vision ist es, mit
dem „artCAMPUS“ MEISSEN ® als Manufaktur und Meißen als Ort langfristig zu einem
„Mekka der modernen Kunst“ zu entwickeln. Die Rolle von MEISSEN ® , die wir erst neu
erlernen müssen, ist dabei nicht die Manufaktur im klassischen Sinne des handwerklichen
Herstellers, dessen eigentliches Ziel im Sinne der Auslastung seiner Mitarbeiter
ja in der Replikation liegen muss. Vielmehr verstehen wir uns als eine Art Plattform mit
Mehrwert – für Künstler und Galeristen, die bei uns neue Möglichkeiten der Gestaltung
erschließen können – , aufbauend auf dem einzigartigen künstlerischen Erbe und der
aus meiner Sicht bis heute unangefochtenen kunsthandwerklichen Kompetenz und
Leistungsfähigkeit von MEISSEN ® , ob in der Formgebung und Oberflächengestaltung
unseres besonderen Materials, dem Meissener Porzellan ® , oder bei der Entwicklung
neuer Farbwelten.
Mit wie viel Unverständnis und Widerstand diese neue künstlerische Herangehensweise
verbunden ist, konnte man erfahren, als man die anfänglichen Reaktionen der
lokalen Presse auf die ersten Arbeiten des renommierten deutschen Künstlers K.O.
Götz im „MEISSEN artCAMPUS“ lesen konnte. Hier sprach man von „Kunststreit in der
Manufaktur“ und „alles müsse jetzt abstrakt sein“. Kunstkenner und nicht zuletzt auch
der Künstler selbst zeigten sich überrascht, ja regelrecht schockiert ob der Reaktionen.
Doch so überrascht man auch sein mag, dass internationales künstlerisches Establishment
regional derart provozieren kann, so wichtig ist es doch, die Menschen dort
abzuholen, wo sie stehen.
Gerade diese Reaktionen sind also Anzeichen für die Entwicklung in die richtige
Richtung. Man kann sich freuen, wenn selbst international anerkannte und etablierte
Kunst, die ihre Wurzeln in den 1940er Jahren hatte, heute noch zu solchen Reaktionen
führt. Letztlich muss es die Aufgabe von Kunst sein, Reaktionen und Entwicklungen
zu provozieren – gerade das ist eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale
zu ausschließlich ästhetisch ansprechendem, dekorativem Interieur – einem weiteren
wichtigen, aber in der Tat völlig anderen Geschäftsbereich unserer Manufaktur.
Gerade deshalb möchte ich mich ganz besonders bei den namhaften Galeristen und
internationalen Künstlern bedanken, die sich darauf eingelassen haben, diese Vision
gemeinsam mit uns zu realisieren, die nicht gewartet haben, sondern vorangegangen
sind. Ihre Werke, die zumeist mit Unterstützung und im intensiven Austausch mit
Kunsthandwerkern der Manufaktur MEISSEN ® entstanden sind, verstehe ich als internationale
Botschafter einer neuen, im Grunde jedoch der ursprünglichen künstlerischen
Entwicklung von MEISSEN ® .
Mindestens so bedeutsam wie das Kunstwerk selbst sind der Austausch zwischen den
„externen“ Künstlern und den Manufakturisten sowie die gegenseitige Befruchtung, die
während des Kreationsprozesses entsteht. Und natürlich ist mir völlig bewusst, dass es
viele Jahre brauchen wird, ehe das eigene künstlerische Herz der Manufaktur wieder zu
schlagen beginnt; ehe wir den Boden bereiten für eine neue künstlerische Blütezeit der
Manufaktur, deren Früchte dann hoffentlich unsere nachfolgenden Generationen ernten
können. Aber jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.
Herzlichst
Dr. Christian Kurtzke
Vorsitzender der Geschäftsführung
Staatliche Porzellan-Manufaktur MEISSEN ® GmbH
DEAR FRIENDS OF MEISSEN ® ,
DEAR FRIENDS OF ART
Whilst walking through the Exhibition Hall shortly after I assumed control of the
heritage-rich MEISSEN ® Manufactory in November 2008 as it was poised to celebrate
its tercentenary, I soon gained a clear idea of the artistic challenge involved. Owing to a
variety of historical determinants, the company had - notwithstanding the excellent level
of craftsmanship - become a mere shadow of its formerly glorious artistic self in my
view. Measured against historical forebears such as Johann Joachim Kaendler or
Johann Gregorius Höroldt, many of the moves undertaken to create contemporary works
of art would, I felt, at best be able acquire international relevance at some indefinable
point in the future as evidence of historical trends.
They did not, however, meet the quality of modern-day art fairs of the kind held in Basle
- the equivalent of the World Exhibitions at which the Manufactory had once so proudly
presented its wares.
It almost seemed as though MEISSEN ® had surrendered its own lofty artistic aspirations
at some point and in so doing lost touch with the world and was now contenting itself
with endeavouring to at least achieve modest earnings with minor regional art for the
middle classes.
Whilst not wishing to belittle the importance of innovations such as sushi sets and pug
pendants for the Manufactory’s cost-effectiveness today, in a hundred years all these
things will be just as meaningless for MEISSEN ® .
I am firmly convinced that a key portion of the Manufactory brand core, created during
its 18th century heyday, lies in its uncompromisingly artistic aspirations. Preserving and
advancing these is accordingly one of the central tasks of any generation of directors
and - cost-effectiveness notwithstanding - the true secret behind the Manufactory’s
longevity, transcending the boundaries of purely commercial thought and action.
Hence it was clear to me that it was a matter of priority to rekindle the spirit of Director
General Pfeiffer and to lend the Manufactory a fresh lease of artistic life.
This is precisely the remit of “MEISSEN artCAMPUS”, which we launched in 2009 -
a latter-day artists-in-residence scheme as it were.
I have the bold vision, one that may well appear naive to the outside world, of
harnessing “artCAMPUS” to develop MEISSEN ® as a Manufactory and MEISSEN ® the
city into a “Mecca of modern art” in the long term. MEISSEN ® ’s part in this, which we
have first got to learn, is not that of a manufactory in the conventional sense of a craft
producer whose essential aim it is to keep its staff busy or, indeed, to replicate. We,
instead, see ourselves as a kind of platform with value-added - for artists and gallery
proprietors, who can tap new means of design through us - that builds upon the unique
artistic heritage and the, in my view, still undisputed handicraft skills and output
capacity of MEISSEN ® , whether in the shaping and surface design of our special
material, Meissen porcelain, or in the development of new realms of colour.
Initial responses in the local press to the first works produced on the “MEISSEN
artCAMPUS” by celebrated German artist K.O. Götz gave a good idea of the incomprehension
and resistance triggered by this new artistic approach. There was talk of an
“artistic battle at the Manufactory” and how “everything has now got to be abstract”.
Art connoisseurs and the artist himself were visibly surprised, shocked even by the
response. However surprised one may be about international artistic input having such
a provocative impact on the region, however, it is nevertheless important to accommodate
the mindsets one actually encounters.
It is precisely responses such as these, then, that suggest developments are on the right
track. It is a cause of pleasure when even internationally acknowledged and established
art that has its roots in the 1940s can still elicit such reactions today. When all is said
and done, provoking responses and developments is what art is there for - indeed, that
is one of the key ways in which it differs from exclusively pleasing, decorative items for
interiors - a further important but undeniably a completely different business segment
at our Manufactory.
For this reason in particular I would like to give special thanks to the esteemed gallery
proprietors and international artists who have involved themselves in putting this vision
to effect with us and, rather than holding back, have actually taken up the running. I
see their work, which has for the most part been produced with support from and in
intensive exchanges with craftworkers from the MEISSEN® Manufactory, as being the
international proclamation of a new and yet essentially the original artistic development
at MEISSEN ® .
At least as momentous as the art itself are the exchanges between “outside” artists
and our Manufactory staff and the cross-fertilisation that takes place during the creative
process. Yet I am fully aware, of course, that it will take years before the Manufactory’s
own artistic heart starts beating again, before the ground is prepared for a new artistic
heyday at the Manufactory whose fruits can hopefully be enjoyed by generations to
come. We’ve made a great first step in the journey.
Cordially Yours,
Dr. Christian Kurtzke
Chief-Executive Officer
Staatliche Porzellan-Manufaktur MEISSEN ® GmbH