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Die Wirtschaft - Zeitung der Wirtschaftskammer Vorarlberg

JUNGE WIRTSCHAFT VORARLBERG „Die Schul- und Studienpläne entwickeln sich zu langsam weiter“ Martin Dechant und Marco Tittler von der Jungen Wirtschaft Vorarlberg im Gespräch. Das Thema „Geht die Ausbildung am Bedarf der Wirtschaft vorbei?“ war heuer das Motto der Sommergespräche der Jungen Wirtschaft Vorarlberg (JWV). Doch was bringen solche Talks? Hinter was steht die JWV? „Die Wirtschaft“ hat mit dem Vorsitzenden der Jungen Wirtschaft Vorarlberg Martin Dechant und Mag. Marco Tittler, Geschäftsführer der JWV, über Wirtschaft und Bildung gesprochen. Herr Dechant, gleich zu Beginn eine provokante Frage: Sind Veranstaltungen wie das Sommergespräch „Geht die Ausbildung am Bedarf der Wirtschaft vorbei“ nicht nur Augenauswischerei? Bringen solche Veranstaltungen denn was? Wenn wir davon nicht überzeugt wären, hätten wir das nicht gemacht. Klar ist, wir dürfen uns von solchen Gesprächsrunden keine Reformen erwarten. Wir wollen damit eine Plattform bieten, auf der sich auch andere interessierte Menschen ins Thema einbringen können. Und das ist gelungen. Um den Titel der Sommergespräche noch einmal aufzugreifen, geht die Ausbildung am Bedarf der Wirtschaft vorbei? Dechant: Ich sage zu 80 % JA. Wenn ich da in meine Berufssparte schaue – die Kommunikation – bin ich immer wieder überrascht, mit wie wenig praktischem Wissen die Student/innen zu uns in den Betrieb kommen. Bei den Praktikant/innen kann ich das ja noch nachvollziehen. Aber wenn wir bei der Fachkräftesuche Fachhochschulabsolventen mit fast keinem praktischen Wissen erhalten, frage ich mich, ob der Fokus der Studienpläne noch der richtige ist. Herr Tittler, stimmt das wirklich – kann das so pauschal gesagt werden? Wir müssen uns in diesem Zusammenhang vor allem auch die Frage stellen, wie mit sogenannten „neuen“ Berufsbildern umgegangen wird. Viele junge Unternehmer sind heute in Berufen tätig, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Hier ist 14 DIE WIRTSCHAFT Freitag, 14. Oktober 2011 Die Vertreter der Jungen Wirtschaft, Vorsitzender Martin Dechant (r.) und GF Mag. Marco Tittler (l.), beim Interview mit „Die Wirtschaft“- Redakteur Mag. Herbert Motter. unsere Hinweis ein ganz klarer: Die Schul- und Studienpläne entwickeln sich zu langsam weiter. Kritisieren ist immer leicht. Was für Verbesserungsideen schweben Ihnen vor? Dechant: Blicken wir auf die Ausbildungswege nach der Mittelschule, ist schnell klar, wo angesetzt werden muss. Die duale Ausbildung muss gestärkt und Ausbildungsbetriebe müssen gefördert werden. Die Wertigkeit der Lehrlingsausbildung muss allgemein angehoben und einer vollschulischen Ausbildung gleichgesetzt werden. Tittler: Aber auch Bildungsreformen werden aktuell lauter denn je gefordert. Dies geht einher mit der regen Diskussion im Sommer über das Sitzenbleiben. Unser Schulsystem ist aktuell so ausgerichtet, dass 80 Prozent der Zeit damit verbracht wird, Schwächen zu kaschieren und nur 20 Prozent dafür aufgewendet werden kann, die Stärken zu forcieren. Meiner Meinung nach sollten bestimmte Mindestanforderungen definiert werden, die es dann ausnahmslos zu erreichen gilt. Daneben sollte es aber auch die Möglichkeit geben, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzen- trieren. Es geht also darum, nicht alles die ganze Zeit machen und können zu müssen, sondern eine sinnvolle und ausreichende Basis zu schaffen, auf der sich aufbauend Spezialisierungen anbieten lassen. Wie meinen Sie das „sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren“? Tittler: Wir stellen ernsthaft zur Diskussion, ob es notwendig ist, sich vier oder fünf Jahre in einer höherbildenden Schule mit einem Fach auseinander zu setzen, vom dem man bereits nach zwei Jahren weiß, dass man es nicht benötigen wird. Dieser Ansatz bringt natürlich einige große Herausforderungen mit sich. So sind eine umfangreiche Potenzialanalyse und das Eruieren der Stärken und Schwächen unabdingbare Grundvoraussetzungen. Hier gilt es erst einmal, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Dechant: Wir müssen aufpassen, dass wir den jungen Leuten nicht die Lust am Lernen nehmen. Unsere Wirtschaft hängt von selbstbewussten, neugierigen und zielorientierten Persönlichkeiten ab. Und diese brauchen wiederum ein Bildungsland, in dem sie sich entfalten und entwi - ckeln können – ein Leben lang. Le- benslanges Lernen soll keine Floskel sein, sondern muss gelebt werden – von der Vorschule bis ins hohe Alter. Gibt es bereits Ansätze und umgesetzte Ideen zur Verbesserung? Tittler: Es gibt wunderbare Programme von der Wirtschaftskammer, um die jungen Menschen an die Berufe heranzuführen – Wif-zack oder Lego Mindstorms sind nur zwei Beispiele. Der Wirtschaft wird auch vorgeworfen, dass sie immer nur fordert, aber nichts selbst zum Prozess beiträgt. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt? Dechant: Wir wollen was von den Bildungsverantwortlichen, diese wiederum etwas von uns. Es ist aber ganz wichtig, dass alle sich ins System einbringen. Bildung und Wirtschaft müssen an einem Strang ziehen. Ich kann als Unternehmer nicht nur vom Arbeitsmarkt fordern, sondern muss auch in diesen investieren. Da gehe ich als kleines Unternehmen gerne mit gutem Beispiel voran. Kein leichtes Unterfangen, aber ein lösbares. Gehen wir es an! Danke für das Gespräch.

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