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Beckscher Studienfuehrer 2011

28 Beitrag | Interview »... deshalb lieben es junge Juristen so sehr, in Kneipen möglichst laut über einen Fall zu fachsimpeln, weil sie dann das Gefühl erleben, einem Geheimclub anzugehören.« C.H.Beck: Hat das Jura-Studium Ihr Verständnis für bestimmte Themen verändert? Für welche? Juli Zeh: Ich habe im Jura-Studium letztlich viel darüber gelernt, wie Politik oder überhaupt eine Gesellschaft funktioniert. Man verabschiedet sich schnell von der Idee, dass mithilfe des Rechts eine Art subjektiver Gerechtigkeit herstellbar sei. Wenn man verstanden hat, dass sich Menschen grundsätzlich immer im Recht fühlen, egal was sie gerade tun oder getan haben, dann hat man etwas sehr Existenzielles erkannt und weiß auch, warum sich das Zusammenleben auf diesem Planeten im Großen wie im Kleinen oft so schwierig oder sogar katastrophal gestaltet. Äußerst selten trifft man einen Menschen, der sagt: Ich weiß, dass es falsch ist, was ich gerade tue, aber ich mache es trotzdem. Die meisten Menschen finden Gründe, warum sie ein Recht auf das haben, was sie gerade möchten, auch wenn ihre persönliche Legitimation für Außenstehende (oder, im historischen Zusammenhang, Nachgeborene) noch so abwegig klingt. Deshalb führt die gute alte Juristenfrage »Wer will was von wem woraus?« sehr häufig auch zu einer weiterführenden Antwort in politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, manchmal sogar persönlichen Zusammenhängen. C.H.Beck: Nach welchen Entscheidungskriterien haben Sie Ihre Auslandsaufenthalte ausgesucht? Würden Sie an diese Auswahl jetzt anders herangehen? Juli Zeh: Den Aufenthalt in New York habe ich gewählt, weil ich wissen wollte, wie die UNO arbeitet. Der Aufenthalt in Krakau war eher Zufall – ich wollte gern nach Osteuropa und hatte mich auch in Prag und Budapest beworben. Die Uni in Krakau war am kooperativsten und hat mir geholfen, die Formalitäten zu bewältigen – also ging ich dorthin. Das würde ich jederzeit wieder so machen. C.H.Beck: Kann man als Jurist kreativ sein? In welcher Hinsicht? Juli Zeh: Die Arbeit mit Sprache ist generell ein kreativer Prozess – oder kann als ein solcher verstanden werden. Da die Sprache das wichtigste Handwerkszeug der Juristen ist, kann man Jura als eine sehr kreative Tätigkeit begreifen. Auch wenn es darum geht, eine Lösung für einen Fall zu entwickeln, vielleicht eine neue rechtswissenschaftliche Beck'scher Studienführer Jura | 2011/2012 Argumentation auszuprobieren oder eine bestehende Theorie zu erweitern, ist Kreativität gefragt, was ein sehr schönes und befriedigendes Gefühl sein kann. C.H.Beck: Gehen Sie im Alltag Probleme eher emotional oder als Jurist an? Juli Zeh: In 99 Prozent der Fälle emotional. Die Juristin kommt eigentlich immer dann durch, wenn man mit anderen Lösungsstrategien nicht mehr weiterkommt. Das ist ja auch die Aufgabe von Juristen – ähnlich wie Ärzte werden sie nur dann aktiv, wenn etwas nicht funktioniert und die Menschen sich durch »normale« Alltagspraktiken nicht mehr helfen können. C.H.Beck: Hat das Jura-Studium Ihre schriftstellerische Arbeit beeinflusst? Ihre Sprache? Juli Zeh: Man lernt im Zuge der rechtswissenschaftlichen Tätigkeit, die Bedeutungsschichten von Wörtern oder sprachlichen Zusammenhängen sehr genau zu analysieren und zu erfassen. Die juristische Methode besteht in der sogenannten »Auslegung«, die verschiedene Ansätze bereithält – man interpretiert einen Begriff oder einen ganzen Satz grammatisch, historisch, teleologisch, um zu ergründen, was genau damit gemeint sein könnte. Das ist ein Werkzeugkasten, um den verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten von Wörtern auf den Grund zu gehen. Dieses Verfahren schult Auge und Ohr für möglichst große Präzision im Umgang mit Sprache. Ich glaube, dass ich dadurch gelernt habe, Wörter und Sätze auf die Goldwaage zu legen, bevor ich sie verwende – und dieser Sinn für Genauigkeit ist auch für Schriftsteller oft von Nutzen. Hinzu kommt, dass mir die juristische Ausbildung immer wieder Inspiration für Geschichten und Themen geliefert hat. In meinen Romanen geht es immer irgendwie auch um »Fälle«. Nicht selten spielen die Geschichten (teilweise) im juristischen oder polizeilichen Milieu, oder zumindest spielt die juristische Bewertung eines Ereignisses eine Rolle. Die juristische Praxis schaut ja in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein, und sie interessiert sich vor allem für das Scheitern von menschlichen Beziehungen, für Grenzfälle und für Katastrophen. Das deckt sich mit dem Interessengebiet der Literatur, was vielleicht auch ein Grund dafür ist, dass es nicht wenige Juristen gibt, die sich als Lesende oder Schreibende für Literatur begeistern. ■

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