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Beitrag | Interview
»... deshalb lieben es junge Juristen so sehr, in Kneipen möglichst
laut über einen Fall zu fachsimpeln, weil sie dann das Gefühl
erleben, einem Geheimclub anzugehören.«
C.H.Beck: Hat das Jura-Studium Ihr Verständnis für bestimmte
Themen verändert? Für welche?
Juli Zeh: Ich habe im Jura-Studium letztlich viel darüber
gelernt, wie Politik oder überhaupt eine Gesellschaft funktioniert.
Man verabschiedet sich schnell von der Idee, dass
mithilfe des Rechts eine Art subjektiver Gerechtigkeit herstellbar
sei. Wenn man verstanden hat, dass sich Menschen
grundsätzlich immer im Recht fühlen, egal was sie gerade
tun oder getan haben, dann hat man etwas sehr Existenzielles
erkannt und weiß auch, warum sich das Zusammenleben
auf diesem Planeten im Großen wie im Kleinen
oft so schwierig oder sogar katastrophal gestaltet. Äußerst
selten trifft man einen Menschen, der sagt: Ich weiß, dass
es falsch ist, was ich gerade tue, aber ich mache es trotzdem.
Die meisten Menschen finden Gründe, warum sie ein
Recht auf das haben, was sie gerade möchten, auch wenn
ihre persönliche Legitimation für Außenstehende (oder,
im historischen Zusammenhang, Nachgeborene) noch so
abwegig klingt. Deshalb führt die gute alte Juristenfrage
»Wer will was von wem woraus?« sehr häufig auch zu
einer weiterführenden Antwort in politischen, wirtschaftlichen,
gesellschaftlichen, manchmal sogar persönlichen
Zusammenhängen.
C.H.Beck: Nach welchen Entscheidungskriterien haben Sie
Ihre Auslandsaufenthalte ausgesucht? Würden Sie an diese
Auswahl jetzt anders herangehen?
Juli Zeh: Den Aufenthalt in New York habe ich gewählt,
weil ich wissen wollte, wie die UNO arbeitet. Der Aufenthalt
in Krakau war eher Zufall – ich wollte gern nach Osteuropa
und hatte mich auch in Prag und Budapest beworben. Die
Uni in Krakau war am kooperativsten und hat mir geholfen,
die Formalitäten zu bewältigen – also ging ich dorthin.
Das würde ich jederzeit wieder so machen.
C.H.Beck: Kann man als Jurist kreativ sein? In welcher Hinsicht?
Juli Zeh: Die Arbeit mit Sprache ist generell ein kreativer
Prozess – oder kann als ein solcher verstanden werden. Da
die Sprache das wichtigste Handwerkszeug der Juristen ist,
kann man Jura als eine sehr kreative Tätigkeit begreifen.
Auch wenn es darum geht, eine Lösung für einen Fall zu
entwickeln, vielleicht eine neue rechtswissenschaftliche
Beck'scher Studienführer Jura | 2011/2012
Argumentation auszuprobieren oder eine bestehende
Theorie zu erweitern, ist Kreativität gefragt, was ein sehr
schönes und befriedigendes Gefühl sein kann.
C.H.Beck: Gehen Sie im Alltag Probleme eher emotional oder
als Jurist an?
Juli Zeh: In 99 Prozent der Fälle emotional. Die Juristin
kommt eigentlich immer dann durch, wenn man mit
anderen Lösungsstrategien nicht mehr weiterkommt. Das
ist ja auch die Aufgabe von Juristen – ähnlich wie Ärzte
werden sie nur dann aktiv, wenn etwas nicht funktioniert
und die Menschen sich durch »normale« Alltagspraktiken
nicht mehr helfen können.
C.H.Beck: Hat das Jura-Studium Ihre schriftstellerische Arbeit
beeinflusst? Ihre Sprache?
Juli Zeh: Man lernt im Zuge der rechtswissenschaftlichen
Tätigkeit, die Bedeutungsschichten von Wörtern oder sprachlichen
Zusammenhängen sehr genau zu analysieren und zu
erfassen. Die juristische Methode besteht in der sogenannten
»Auslegung«, die verschiedene Ansätze bereithält – man interpretiert
einen Begriff oder einen ganzen Satz grammatisch,
historisch, teleologisch, um zu ergründen, was genau damit
gemeint sein könnte. Das ist ein Werkzeugkasten, um den
verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten von Wörtern auf
den Grund zu gehen. Dieses Verfahren schult Auge und Ohr
für möglichst große Präzision im Umgang mit Sprache. Ich
glaube, dass ich dadurch gelernt habe, Wörter und Sätze auf
die Goldwaage zu legen, bevor ich sie verwende – und
dieser Sinn für Genauigkeit ist auch für Schriftsteller oft von
Nutzen. Hinzu kommt, dass mir die juristische Ausbildung
immer wieder Inspiration für Geschichten und Themen
geliefert hat. In meinen Romanen geht es immer irgendwie
auch um »Fälle«. Nicht selten spielen die Geschichten
(teilweise) im juristischen oder polizeilichen Milieu, oder
zumindest spielt die juristische Bewertung eines Ereignisses
eine Rolle. Die juristische Praxis schaut ja in alle gesellschaftlichen
Bereiche hinein, und sie interessiert sich vor
allem für das Scheitern von menschlichen Beziehungen, für
Grenzfälle und für Katastrophen. Das deckt sich mit dem
Interessengebiet der Literatur, was vielleicht auch ein Grund
dafür ist, dass es nicht wenige Juristen gibt, die sich als
Lesende oder Schreibende für Literatur begeistern. ■